Málaga 1881 - 1973 Mougins
Ausrufzeit 11.09.2026,
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In seinem äusserst umfangreichen grafischen Œuvre nehmen die hauptsächlich zwischen 1958 und 1965 in zwei Phasen entstandenen "Linos" eigentlich einen kleinen, aber ungemein bedeutenden Teil ein. Von den Linolschnitten, die Picasso schuf, wurden einige nur als einzelne Probedrucke hergestellt, viele jedoch schliesslich in einer Auflage von 50 Exemplaren von der Galerie Louise Leiris in Paris herausgegeben. In kaum einem anderen Medium verband Picasso technische Innovation, malerisches Denken und gestalterische Freiheit auf vergleichbare Weise. Was als Experiment mit einem bis dahin eher unscheinbaren Druckverfahren begann, entwickelte sich zu einem der originellsten Beiträge zur Druckgrafik des 20. Jahrhunderts.
Seit 1948 hielt sich Picasso regelmässig in Vallauris auf, wo er zunächst vor allem mit der Keramik arbeitete. Dort lernte er den Drucker Hidalgo Arnéra kennen, dessen Atelier die Plakate für die Keramikausstellungen in Vallauris druckte. Wahrscheinlich waren es gerade diese Arbeiten, die Picassos Aufmerksamkeit auf das Linoleum als Drucktechnik lenkten. Das preiswerte, leicht zu bearbeitende Material war in der Plakatgestaltung seit Langem verbreitet, galt innerhalb der freien Kunst jedoch kaum als anspruchsvolles grafisches Medium.
Picasso erkannte rasch dessen künstlerische Möglichkeiten. Das weiche, homogene Linoleum erlaubte ein unmittelbares Arbeiten und bot im Gegensatz zum Holzschnitt keinerlei Einschränkung durch eine natürliche Maserung. Linien konnten mit grosser Freiheit geführt, zugleich aber auch feinste Details präzise herausgearbeitet werden. Hidalgo Arnéra erinnerte sich später, Picasso habe das Material behandelt, "als hätte er sein Leben lang nichts anderes gemacht".
Die ersten Linolschnitte entstanden noch nach dem traditionellen Verfahren, bei dem für jede Farbe eine eigene Druckplatte benötigt wurde. Diese Methode war technisch aufwendig und schränkte die spontane Arbeitsweise des Künstlers erheblich ein. Den entscheidenden Anstoss zu einer neuen Lösung gab Hidalgo Arnéra. Er schlug Picasso vor, sämtliche Farben nacheinander von einer Linoleumplatte zu drucken. Picasso erkannte sofort das schöpferische Potenzial dieses sogenannten Eliminations- oder Reduktionsverfahrens und entwickelte es innerhalb kürzester Zeit zu einer bis dahin ungekannten Vollendung.
Ausgangspunkt ist eine einzelne Platte, die zunächst in der hellsten Farbe gedruckt wird. Anschliessend schneidet der Künstler jene Partien heraus, welche diesen Farbton behalten sollen, bevor die nächste - meist dunklere - Farbe darüber gedruckt wird. Dieser Vorgang wiederholt sich bis zum letzten Druckgang, der häufig in Schwarz erfolgt. Mit jedem Schnitt verändert sich die Platte unwiderruflich; ein früherer Zustand lässt sich nicht mehr herstellen. Gerade diese Endgültigkeit verlangte ein aussergewöhnliches Vorstellungsvermögen. Als Beispiel sei hier "Femme assise au chignon" (Baer 1298; Bloch 1071) genannt: Zuerst druckt Picasso die ganze Platte in einem Hellbraun, dann schneidet er den eigentlichen Kopf aus der Platte und druckt ihn in einem dunkleren Hellbraun über die "Tonplatte" (Ier état), dann schneidet er weitere Teile aus der Platte und druckt in Braun über die beiden Schichten (IIe état), schneidet noch einmal Teile weg und druckt schliesslich in Schwarz über die vorhergehenden Zustände (IIIe état). Viermal druckt Arnéra die Platte, bevor der Künstler schliesslich sein Einverständnis zur Herstellung der Auflage gibt. Einige Platten hat er in bis zu drei unterschiedlichen Zuständen zu Auflagedrucken verarbeitet (etwa Baer 1297, 1304 oder 1338), was beim Druck deutlich mehr Abzüge pro Zustand erforderte. Bei einigen verwendete er als Ergänzung zur Platte einen in Linolschnitt gedruckten, gleichen Rahmen, den er bei mehreren Auflagendrucken einsetzte (etwa Baer 1320, 1323 oder 1337).
Picasso musste die endgültige Komposition also bereits zu Beginn vollständig vor Augen gehabt haben und entwickelte das Bild gleichsam rückwärts. Brigitte Baer hat diesen Entstehungsprozess in ihrem siebenbändigen Werkverzeichnis "Picasso. Peintre-Graveur" (1986-1996, Galerie Kornfeld Verlag, Bern) minutiös dokumentiert. Die einzelnen Zustände zeigen eindrucksvoll, wie Picasso das Bild Schicht für Schicht entwickelte und Farbe zu einem konstruktiven Element der Komposition machte.
Von entscheidender Bedeutung war dabei die Zusammenarbeit mit Hidalgo Arnéra. Jeder Druckgang verlangte höchste Präzision, da bereits geringste Verschiebungen die Passgenauigkeit der Farben beeinträchtigt hätten. Während Picasso die Platte nach jedem Druck weiterbearbeitete, musste Arnéra sämtliche Abzüge eines Zustandes fertigstellen. Für eine Auflage von fünfzig Exemplaren waren deshalb zahlreiche zusätzliche Drucke erforderlich - Probedrucke, Farbvarianten und Zustandsdrucke eingeschlossen. Erst wenn Künstler und Drucker mit dem Ergebnis zufrieden waren, begann der eigentliche Auflagendruck.
Gerade in dieser Verbindung von präziser Planung und schöpferischer Freiheit liegt die besondere Bedeutung von Picassos Linolschnitten. Hinter ihrer scheinbaren Leichtigkeit verbirgt sich ein ausserordentlich komplexer Arbeitsprozess. Aus einem Material, das lange Zeit vor allem mit Plakat- und Gebrauchsgrafik verbunden war, schuf Picasso Werke von aussergewöhnlicher malerischer Kraft und technischer Raffinesse und erhob den Linolschnitt endgültig in den Rang eines autonomen künstlerischen Mediums.
Von den insgesamt gut 170 Linolschnitten wurden 25 als Plakate konzipiert. Von ca. 35 Linolschnitten entstanden nur Probedrucke oder vereinzelte Abzüge. Gut 110 der Blätter wurden aber als Auflagen mit unterschiedlicher Anzahl von Exemplaren herausgegeben, mehrere Male bei der Édition Galerie Madoura, Cannes, einmal bei Berggruen, Paris, oder anderen. Die wichtigsten 104 Linolschnitte wurden von der Hauptgalerie des Künstlers, der Galerie Louise Leiris in Paris, in der üblichen Picasso-Auflage von 50 Exemplaren herausgegeben.
Ein französischer Privatsammler konnte aus den Beständen der Galerie Leiris 103 Blätter mit der einheitlichen Nummerierung "45/50" erwerben. Bis zum Blatt "Visage" (Baer 1339) entsprechen die Blätter der normalen Edition. Die beiden letzten vorhandenen Blätter, "Étreinte I und II", weisen zwar die Nummerierung "45/50" auf, sind aber keine reinen Linolschnitte, sondern wurden von Picasso zusätzlich in seiner eigens entwickelten Spültechnik (Rinçage) mit Tusche überarbeitet. Das letzte Blatt in Linolschnitt, das 1965 von Leiris herausgegeben wurde, "Peintre et modèle au fauteuil à bascule" (Baer 1359), fehlt in der Sammlung. Es ist möglich, dass wegen der angewendeten Reduktionstechnik nicht genügend Blätter für die Auflagennummer zur Verfügung standen. Wir konnten dies leider nicht in Erfahrung bringen. In der vorliegenden Form mit 103 der total 104 einheitlich nummerierten Blätter gibt es die Serie unseres Wissens nur in der hier angebotenen Gruppe. Alle Hauptblätter sind enthalten, nur der letzte Linolschnitt fehlt. Die praktisch komplette Serie der Auflagendrucke der Galerie Louise Leiris, Paris, ist ein eindrückliches Zeugnis der grossartigen Bildgestaltungen Picassos und der Druckgrafik überhaupt.
Galerie Louise Leiris, Paris, dort erworben von
Privatsammlung Frankreich
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