
Nach mehreren Jahren Militärdienst während des Zweiten Weltkriegs begann Eberhard W. Kornfeld 1945 zunächst als Volontär in der Berner Kunsthandlung von August Klipstein. Später wurde er – wie er selbst augenzwinkernd zu bemerken pflegte – zu einer Art «Mini-Partner». Sein Schwerpunkt lag zunächst auf der Druckgrafik Alter Meister sowie auf der Druckkunst der klassischen Moderne. Als der Kunsthistoriker Arnold Rüdlinger jedoch 1946 die Leitung der Kunsthalle Bern übernahm und dort ein ambitioniertes Programm mit aktueller Kunst aus Paris und den USA etablierte, kam schnell die zeitgenössische Kunst dazu. Rüdlinger, der mit Jahrgang 1919 nur wenig älter als Kornfeld war, entwickelte sich zu einem wichtigen Wegbegleiter und Vermittler. Er eröffnete Kornfeld den Zugang zu Künstlerinnen und Künstlern der Gegenwart, die diesem bis dahin weitgehend unbekannt gewesen waren. Kornfeld wurde Teil dieser von Rüdlinger geprägten Szene und begann bald auch selbst, in den Räumen seiner Galerie Ausstellungen zeitgenössischer Kunstschaffender zu organisieren.
In der Kunsthalle Bern begegnete Kornfeld 1948 erstmals dem aus dem Bergell stammenden Bildhauer und Maler Alberto Giacometti, der gut zwanzig Jahre älter war als er. Aus dieser ersten Begegnung entwickelte sich eine enge und langjährige Beziehung. Kornfeld besuchte Giacometti regelmässig in Paris sowie während dessen Aufenthalten in Stampa oder Maloja. Er hatte das Privileg, wiederholt direkt im Atelier Werke erwerben zu können, allerdings ausschliesslich Zeichnungen und Druckgrafiken. Ausdruck der gegenseitigen Wertschätzung sind fünf Bleistiftzeichnungen, die Giacometti 1959 von Kornfeld anfertigte. Vier davon gelangten in die Sammlung Kornfeld, eine behielt der Künstler selbst. Aus der Freundschaft entstand zudem die Idee einer Ausstellung bei Klipstein & Kornfeld, die im Sommer 1959 realisiert wurde. Für den Umschlag des Ausstellungskatalogs verwendete man die Titelseite des «Figaro Littéraire» vom 11. April 1959, die Giacometti während eines Caféaufenthalts in Paris mit Kugelschreiberzeichnungen versehen hatte – eine jener spontanen zeichnerischen Interventionen, die typisch für ihn waren (vgl. Los 28).
Bereits früh lernte Kornfeld in Albertos Atelier dessen Bruder Diego Giacometti kennen. Dieser war zunächst als Atelierassistent tätig und diente Alberto zugleich als wichtigstes Modell. Erst nach dem Tod seines Bruders im Jahr 1966 entwickelte Diego seine eigene künstlerische Sprache vollends und setzte seine Möbelentwürfe zunehmend unabhängig um. Auch zu Diego pflegte Kornfeld eine enge Beziehung. Er besuchte ihn regelmässig in Paris, ass mit ihm im Stammlokal «Clos du Moulin» zu Abend und erwarb über viele Jahre hinweg Werke und Objekte für den privaten Gebrauch: zunächst für seine Wohnung in der Berner Altstadt, später für das Ferienhaus in Randogne und schliesslich für das Rothaus in Bolligen.
Im Rahmen der Ausstellung «Tendances actuelles de l’École de Paris III» zeigte Rüdlinger 1955 erstmals Werke von Sam Francis in der Kunsthalle Bern. Bereits ein Jahr zuvor hatte er Francis Kornfeld in Paris vorgestellt. Es entwickelte sich rasch eine enge Freundschaft. 1957 richtete Kornfeld Sam Francis die erste Einzelausstellung aus, zahlreiche weitere sollten folgen. Kornfeld wurde zum wichtigsten Galeristen des amerikanischen Künstlers in Europa und trug entscheidend zu dessen internationaler Karriere bei. Sam Francis war zugleich einer der engsten persönlichen Freunde Kornfelds innerhalb der Kunstwelt. So wurde Francis Patenonkel von Kornfelds Tochter Patricia, zudem unternahmen die beiden regelmässig gemeinsame Reisen in die USA oder nach Japan. Auf Kornfelds Initiative hin lernte Francis 1960 bei Emil Matthieu in Zürich die Technik der Farblithografie kennen. In diesem Zusammenhang entstanden bedeutende druckgrafische Werke wie etwa «White Line» (vgl. Katalog 292).
Aus dem Umfeld der Pariser Avantgarde und dem Freundeskreis um Sam Francis entwickelten sich weitere Beziehungen zu Künstlerinnen und Künstlern wie Shirley Goldfarb, Al Jensen (vgl. Lose 34, 35), Joan Mitchell, Jean-Paul Riopelle (vgl. Los 44), Kimber Smith oder Walasse Ting (vgl. Katalog 292). Diese Verbindungen manifestierten sich nicht nur in persönlichen Freundschaften, sondern auch in Ausstellungen, Editionen und der Herausgabe von Druckgrafiken.
Die ersten persönlichen Begegnungen mit Marc Chagall ergaben sich durch Vermittlung von Franz Meyer, der mit Chagalls Tochter Ida verheiratet war. Als Meyer 1955 die Nachfolge Rüdlingers an der Kunsthalle Bern antrat, stellte er den Kontakt zwischen dem Künstler und Kornfeld her. Während Chagalls Besuchen in Bern entstand eine freundschaftliche Beziehung, und schon bald lud der Künstler Kornfeld nach Vence ein. Chagall vertraute Kornfeld schliesslich auch die Erstellung des Œuvrekatalogs seiner Radierungen und Holzschnitte an – ein Zeichen grosser Wertschätzung und des gegenseitigen Vertrauens.
Pablo Picasso lernte Kornfeld erst in den späten 1960er-Jahren im Atelier Madoura in Vallauris kennen. Picasso, der selbst ein grosser Bewunderer Rembrandts war, kannte Kornfeld bereits durch dessen Publikationen zur Druckgrafik und lud ihn spontan zu einem Besuch ein. «Kornfeld, c’est pour la gravure», soll Picasso oft gesagt haben. So erstaunt es nicht, dass aus diesen Begegnungen die Idee entstand, das druckgrafische Œuvre Picassos systematisch zu inventarisieren. Dieses bedeutende Projekt fand seinen Abschluss in der zwischen 1986 und 1996 im Verlag Kornfeld erschienenen siebenbändigen Publikation «Picasso peintre-graveur», die bis heute als Standardwerk für die Grafik des Meisters gilt.
Einen seiner ältesten Künstlerfreunde lernte Kornfeld bereits während der letzten Wochen seiner Aktivdienstzeit kennen: den Mitrailleur Jean Tinguely. Aus der militärischen Kameradschaft entwickelte sich eine lebenslange Freundschaft. Kornfeld wurde sogar Mitglied der legendären Basler Fastnachtsclique «Kuttlebutzer», für die Tinguely immer wieder spektakuläre Requisiten und Kostüme schuf (vgl. Katalog 292, Stadtindianer). Tinguely stellte Kornfeld zudem die Künstler der Nouveaux Réalistes vor. So gehörten auch Tinguelys Ehefrau Niki de Saint Phalle sowie Bernhard Luginbühl zu Kornfelds engem Kreis. Beide stellten regelmässig in seiner Galerie aus. Ein Höhepunkt dieser Freundschaften war das Happening «St. Barbara Schiessen», das Tinguely gemeinsam mit der Familie Luginbühl am 4. Dezember 1972 auf dem Gelände der Galerie veranstaltete. Dabei wurden 27 selbst konstruierte Kanonen in den Berner Himmel abgefeuert. Die enge Verbundenheit mit Tinguely und Niki de Saint Phalle wirkte sogar über deren Tod hinaus: Kornfeld wurde mit der Inventarisierung beider Nachlässe betraut.
Kornfeld pflegte jedoch nicht nur Kontakte zu internationalen Künstlern; er war auch tief in der regionalen und lokalen Kunstszene verankert. Mit zahlreichen Kunstschaffenden verband ihn eine enge Freundschaft. Regelmässig zeigte er in seiner Galerie Werke etwa von Kurt Blum, Hansjürg Brunner, Franz Fedier, Hans Fischer, Egbert Moehsnang, André Thomkins oder Otto Tschumi. Später kamen Künstlerinnen und Künstler wie Franz Gertsch, Alois Lichtsteiner, Rolf Iseli, Daniel de Quervain oder Teruko Yokoi hinzu. Neben seiner Tätigkeit als Galerist, in deren Rahmen weit über 200 Ausstellungen realisiert wurden, engagierte sich Kornfeld intensiv als Herausgeber von Druckgrafiken und Editionen.
Eberhard W. Kornfeld war ein leidenschaftlicher Förderer der Kunst und ein grosser Menschenfreund. Während seiner langjährigen Tätigkeit als Präsident des Kunsthandelsverbands der Schweiz von 1959 bis 1996 setzte er sich nachhaltig für die Anliegen des Kunstschaffens und des Kunsthandels ein. Er begegnete Künstlerinnen und Künstlern stets mit grosser Wertschätzung und unterstützte viele von ihnen durch Ankäufe, die er direkt in deren Ateliers oder auf Ausstellungen tätigte. Kornfeld war sich stets bewusst, dass der Kunsthandel letztlich nur dank der Kreativität und des Schaffens dieser aussergewöhnlichen Persönlichkeiten möglich ist.
Dieser Spezialkatalog ist den zahlreichen Freundschaften gewidmet, die Eberhard W. Kornfeld im Verlauf seines Lebens mit Künstlerinnen und Künstlern verband – engen wie loseren, lokalen wie internationalen. Die hier versammelten Werke hingen oder standen in seinen privaten Räumen und zeugen von seinem persönlichen Interesse, seiner Sammelleidenschaft und seiner tiefen Verbundenheit mit den Kunstschaffenden seiner Zeit. Die meisten Werke wurden direkt in den Ateliers oder anlässlich von Ausstellungen erworben.
Wir danken der Familie Kornfeld einmal mehr herzlich für das grosse Vertrauen in unser Haus, das Ebi während mehr als siebzig Jahren entscheidend geprägt hat.
Online Kataloge

