Königsberg 1867 - 1945 Moritzburg
Ausrufzeit 10.09.2026,
circa 18:55 Uhr (CET)
(+/- 30 Min.)
1936
Kreide auf beigem Bütten MBM Ingres
61,2x47,5 cm
Unten rechts von der Künstlerin in Bleistift signiert, betitelt und datiert "Käthe Kollwitz / Selbstbild 1936"
Otto Nagel/Werner Timm, Käthe Kollwitz, Die Handzeichnungen, Stuttgart 1980,
Slg. Wilhelm Buller, Duisburg
Privatsammlung Deutschland
Dr. Ewald Rathke Kunsthandel, Frankfurt am Main, dort am 30. November 1994 erworben von
Slg. Gudrun und Martin Fritsch, Berlin
Käthe Kollwitz, Zeichnung, Grafik, Plastik, Bestandskatalog des Käthe-Kollwitz-Museum Berlin, hrsg. von Martin Fritsch, bearbeitet von Annette Seeler, mit Beiträgen von Annette Seeler und Werner Timm, Leipzig 1999,
Hommage an Käthe Kollwitz, hrsg. von Martin Fritsch, mit Beiträgen von Annette Seeler und Gudrun Fritsch, Leipzig 2005,
Bukarest 1976, Kunstmuseum der Sozialistischen Republik Rumänien, Deutsche Bildhauer, 1900-1933,
Berlin 1995, Käthe Kollwitz Museum, Käthe Kollwitz, Schmerz und Schuld,
Rotterdam 1995, Chabot Museum, Käthe Kollwitz, Tekeningen, grafiek, sculpturen,
Wiesloch 1995, Kunstkreis Südliche Bergstrasse-Kraichgau e. V., Kulturhaus, Käthe Kollwitz, Meisterwerke aus dem Käthe-Kollwitz-Museum Berlin,
Bielefeld 1999, Kunsthalle Bielefeld, Käthe Kollwitz, Das Bild der Frau,
Ibaraki/Niigata/Himeji/Kumamoto/Machida 2005/2006, Tsukuba Museum of Art/Prefectural Museum of Modern Art/City Museum of Art/Prefectural Museum of Art/City Museum of Graphic Arts, Käthe Kollwitz,
Vic-sur-Seille 2012, Musée départemental Georges de La Tour, Käthe Kollwitz, La vérité des sens,
Bis 2014 als Dauerleihgabe im Käthe-Kollwitz-Museum Berlin
Berlin 2021, Galerie Judin, Enrique Martínez Celaya, Käthe Kollwitz, Von den ersten und letzten Dingen,
Frankfurt am Main 2024, Städel Museum, Kollwitz,
Mit vereinzelten Reissnagellöchern. Rückseitig mit Spuren alter Montierungen. Minime Gelbfärbung wegen Fixierungsmittel. In sehr guter Erhaltung
Käthe Kollwitz' Selbstbildnis von 1936 gehört zu den eindringlichsten Selbstzeugnissen ihres späten Schaffens und ist zugleich ein stilles Dokument der politischen und gesellschaftlichen Isolation während der Zeit des Nationalsozialismus. Entstanden in einer Epoche zunehmender Repression, spiegelt das Werk nicht nur die persönliche Situation der Künstlerin wider, sondern auch die Bedrohung einer gesamten humanistischen Kunstauffassung, die von den Nationalsozialisten diffamiert und verfolgt wurde.
Bereits kurz nach der Machtübernahme 1933 geriet Kollwitz ins Visier des Regimes. Aufgrund ihrer pazifistischen Haltung, ihres sozialen Engagements und ihrer Nähe zu progressiven Künstlerkreisen wurde sie aus der Preussischen Akademie der Künste gedrängt und mit Ausstellungsverboten belegt. Ihre Kunst entsprach in keiner Weise dem nationalsozialistischen Ideal heroischer, ideologisch kontrollierter Darstellung. Statt Pathos und Überhöhung zeigte Kollwitz menschliches Leid, Trauer, Armut und Verletzlichkeit. Gerade diese radikale Menschlichkeit machte ihre Werke für die nationalsozialistische Kulturpolitik verdächtig. Wenige Jahre später wurden Arbeiten von ihr im Kontext der Kampagne gegen die sogenannte "entartete Kunst" aus Museen entfernt und diffamiert. Kollwitz schrieb im November 1936 in ihr Tagebuch: "Auch diese merkwürdige Stille bei Gelegenheit der Herabsetzung meiner Arbeit aus der Akademieausstellung und anschliessend [dem] Kronprinzenpalais. Es hat mir fast niemand etwas dazu zu sagen. Ich dachte die Leute würden schreiben, mindestens schreiben – nein. So etwas von Stille um mich. – Das muss alles erlebt werden!"
Vor diesem historischen Hintergrund wirkt das Selbstbildnis von 1936 wie eine konzentrierte innere Bestandsaufnahme. Kollwitz zeigt sich darauf ohne jede Idealisierung. Das Gesicht ist von Alter, Müdigkeit und existenzieller Erfahrung gezeichnet. Tiefe Schatten modellieren die Züge und verleihen dem Porträt eine fast skulpturale Präsenz. Der Blick erscheint ernst und nach innen gerichtet, zugleich aber auch von bemerkenswerter geistiger Klarheit. Gerade in dieser Reduktion liegt seine ausserordentliche Kraft.
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