Königsberg 1867 - 1945 Moritzburg
Ausrufzeit 10.09.2026,
circa 18:45 Uhr (CET)
(+/- 30 Min.)
1920
Kohle und braune Kreide, zum Teil mit Wischer verdichtet auf beigem Bütten
45x60,1 cm
Unten rechts von der Künstlerin in Bleistift signiert und datiert "Käthe Kollwitz / 1920"
Otto Nagel/Werner Timm, Käthe Kollwitz, Die Handzeichnungen, Stuttgart 1980,
Privatsammlung Köln, verkauft am 22. November 1968 an
C.G. Boerner, Düsseldorf, dort am 9. Juni 1969 erworben von
Slg. Donald Thomas Bergen, London und New York
Auktion Dorotheum, Wien, 18. Dezember 1978, dort erworben von
C.G. Boerner, Düsseldorf, dort am 12. März 1980 erworben von
Slg. Gudrun und Martin Fritsch, Berlin
Werner Schumann, Ein Herz schlägt für die Mütter, 100 Handzeichnungen von Käthe Kollwitz, Hannover 1953, Tafel 72
Düsseldorf 1968, C.G. Boerner, Neue Lagerliste
Düsseldorf 1979, C.G. Boerner, Neue Lagerliste
Uwe Schneede, Käthe Kollwitz, Das zeichnerische Werk, München 1981,
Tom Fecht, Käthe Kollwitz, Das farbige Werk, Berlin 1987,
Catherine Krahmer, Käthe Kollwitz, Tenero 1992,
Museen in Berlin, Ein Führer durch 68 Museen und Sammlungen, München 1987,
Kunstführer Berlin,
Martin Fritsch, Käthe Kollwitz: Die Freiwilligen, in: Das Erbe der Deutschen, Malerei und Plastik, Meilensteine der bildenden Kunst in Deutschland, hrsg. von Peter Meyer, Stuttgart 1991,
Käthe Kollwitz, Zeichnung, Grafik, Plastik, Bestandskatalog des Käthe-Kollwitz-Museum Berlin, hrsg. von Martin Fritsch, bearbeitet von Annette Seeler, mit Beiträgen von Annette Seeler und Werner Timm, Leipzig 1999,
Hommage an Käthe Kollwitz, hrsg. von Martin Fritsch, mit Beiträgen von Annette Seeler und Gudrun Fritsch, Leipzig 2005,
Notre Dame 1977, Art Gallery, University of Notre Dame, German Expressionist Drawings from the Collection of D. Thomas Bergen,
Hamburg/Zürich 1980/81, Kunstverein/Kunsthaus, Käthe Kollwitz, Die Zeichnerin,
Höchst 1985, Jahrhunderthalle, Käthe Kollwitz, Zeichnungen, Druckgrafik, Skulpturen aus dem Bestand der Galerie Pels-Leusden, Berlin, und anderer Sammlungen,
Berlin 1987, Elefanten Press Galerie, Käthe Kollwitz, Das farbige Werk,
Hannover/Regensburg 1990, Wilhelm-Busch-Museum/Kunstforum Ostdeutsche Galerie, Käthe Kollwitz, Druckgraphik, Handzeichnungen, Plastik,
Washington D.C. 1992, National Gallery of Art, Käthe Kollwitz, deutsche Ausgabe Katalog, 1993,
Bergamo 1993, Palazzo della Ragione, Käthe Kollwitz,
Wiesloch 1995, Kunstkreis Südliche Bergstrasse-Kraichgau e. V., Kulturhaus, Käthe Kollwitz, Meisterwerke aus dem Käthe-Kollwitz-Museum Berlin,
Köln 1999, Käthe Kollwitz Museum, Käthe Kollwitz – Die trauernden Eltern. Ein Mahnmal für den Frieden, nicht im Katalog abgebildet
Ibaraki/Niigata/Himeji/Kumamoto/Machida 2005/2006, Tsukuba Museum of Art/Prefectural Museum of Modern Art/City Museum of Art/Prefectural Museum of Art/City Museum of Graphic Arts, Käthe Kollwitz,
Vic-sur-Seille 2012, Musée départemental Georges de La Tour, Käthe Kollwitz, La vérité des sens,
Berlin 2014, Käthe-Kollwitz-Museum, Mahnung und Verlockung,
Bis 2014 als Dauerleihgabe im Käthe-Kollwitz-Museum Berlin
Berlin 2021, Galerie Judin, Enrique Martínez Celaya, Käthe Kollwitz, Von den ersten und letzten Dingen,
Mit vereinzelten Reissnagellöchern. Oben links ein kleiner Papierdurchbruch. Rückseitig Spuren alter Montierungen. In sehr guter Erhaltung
Die Auseinandersetzung mit dem Ersten Weltkrieg gehört zu den zentralen Themen im späten Werk von Käthe Kollwitz. Der Tod ihres jüngeren Sohnes Peter, der sich 1914 freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet hatte und kurz darauf auf den Schlachtfeldern in Flandern getötet wurde, bedeutete für die Künstlerin eine tiefe persönliche Erschütterung. Aus dieser Erfahrung heraus entstand über viele Jahre hinweg eine intensive künstlerische Verarbeitung von Verlust, Trauer und kollektiver Katastrophe. Ihren eindringlichsten Ausdruck fand diese Beschäftigung schliesslich in der siebenteiligen Holzschnittfolge "Krieg", die 1923 im Verlag Emil Richter in Dresden veröffentlicht wurde (vgl. Los 825, Auktion "Illustrierte Bücher und Portfolios aus der Sammlung Eberhard W. Kornfeld"). "Ich bin mit der Holzschnittfolge zum Krieg fast fertig. […] Kein Mensch wird mutmassen, dass diese 7 Holzstöcke mittlerer Grösse eine langjährige Arbeit in sich schliessen und doch ist es so. Es steckt darin die Auseinandersetzung mit dem Stück Leben, das die Jahre 1914–1918 umfassen, und diese vier Jahre waren schwer zu fassen." (Zitat aus "Briefe der Freundschaft"). Man spürt im Blatt die Ohnmacht der Mutter - es ist berührend, wie die Künstlerin aus der persönlichen Betroffenheit ein universelles Thema aufgreift.
Dem endgültigen Zyklus gingen zahlreiche Studien und Vorarbeiten voraus. Kollwitz entwickelte ihre Bildideen zunächst in verschiedenen druckgrafischen Techniken sowie in Zeichnungen, bevor sie sich bewusst für den Holzschnitt entschied. Gerade dieses Medium erlaubte ihr eine radikale Verdichtung von Hell und Dunkel sowie eine monumentale Vereinfachung der Formen. Für das Blatt "Die Freiwilligen" existieren mehrere vorbereitende Arbeiten, darunter die vorliegende besonders eindrucksvolle Zeichnung, in welcher sie sich schrittweise an die endgültige Bildlösung herantastet.
Inhaltlich greift Kollwitz auf die Tradition mittelalterlicher Totentänze zurück. Der Tod erscheint als unaufhaltsamer Anführer eines Zuges junger Männer, die ihm folgen. Dabei charakterisiert sie jede Figur unterschiedlich: Begeisterung, blinder Idealismus, Verzweiflung und innere Unsicherheit stehen nebeneinander. Trotz aller Unterschiede werden letztlich alle von derselben zerstörerischen Macht erfasst.
Kollwitz selbst schrieb im Oktober 1922 an Romain Rolland: "Ich habe immer versucht, den Krieg zu gestalten. Ich konnte es nie fassen. Jetzt endlich habe ich eine Folge von Holzschnitten fertiggemacht, die einigermassen das sagen, was ich sagen wollte. […]. Diese Blätter sollen in alle Welt wandern und sollen allen Menschen sagen: so war es – das haben wir alle getragen durch diese unaussprechlich schweren Jahre."
Die emotionale Kraft des Blattes entsteht gerade daraus, dass Kollwitz ihre persönliche Erfahrung in eine universelle Bildsprache überführt. Hinter der monumentalen Bildwirkung bleibt stets auch die Perspektive der trauernden Mutter spürbar.
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