Königsberg 1867 - 1945 Moritzburg
Ausrufzeit 10.09.2026,
circa 18:30 Uhr (CET)
(+/- 30 Min.)
Um 1888/1889
Tusche und Bleistift auf Velin
55,3x43,1 cm
Unten links von der Künstlerin in Bleistift signiert "Käthe Kollwitz". Bezeichnungen mittig "Aktstudie", unten links "Zeichnung nach meiner Hand" und rechts "nach Rubens / Selbstbildnis etwa 93"
Otto Nagel/Werner Timm, Käthe Kollwitz, Die Handzeichnungen, Stuttgart 1980,
Auktion Galerie Commeter, Hamburg, 26. November 1930, Los 600, wohl dort erworben von
Galerie Ackermann & Sauerwein, München
Slg. Ingeborg Tremmel, München, versteigert bei
Auktion Ketterer Kunst, München, 6. Mai 2003, dort erworben von
C.G. Boerner/Artemis Fine Arts, London, dort am 28. Oktober 2003 erworben von
Slg. Gudrun und Martin Fritsch, Berlin
Otto Nagel, Die Selbstbildnisse der Käthe Kollwitz, Berlin 1965,
C.G. Boerner, Festgabe für Marianne Küfner zum 3. Oktober 2004, Düsseldorf/Kleve 2004,
Hommage an Käthe Kollwitz, hrsg. von Martin Fritsch, mit Beiträgen von Annette Seeler und Gudrun Fritsch, Leipzig 2005,
Annette Seeler, Aufstand! Renaissance, Reformation und Revolte im Werk von Käthe Kollwitz, hrsg. von Hannelore Fischer, Köln 2017,
München 1952, Staatliche Graphische Sammlung, Käthe Kollwitz,
Bremen 2000, Paula Modersohn-Becker-Museum, Blickwechsel, Käthe Kollwitz, Paula Modersohn-Becker,
Köln 2010/2011, Käthe Kollwitz Museum, Paris bezauberte mich - Käthe Kollwitz und die französische Moderne,
Regensburg 2013, Kunstforum Ostdeutsche Galerie, Käthe Kollwitz, Akt im Fokus,
Köln 2016, Käthe Kollwitz Museum, Gussgeschichte(n) - Das plastische Werk von Käthe Kollwitz. Katalog zur Ausstellung: Annette Seeler, Käthe Kollwitz: Die Plastik. Werkverzeichnis, hrsg. vom Käthe Kollwitz Museum Köln, Köln 2016, Abb. 25.1 und 38.2
Berlin 2021, Galerie Judin, Enrique Martínez Celaya, Käthe Kollwitz, Von den ersten und letzten Dingen,
Frankfurt am Main 2024, Städel Museum, Kollwitz,
Unten rechts ein kleiner Papierverlust, vereinzelte Reissnagellöcher. Rückseitig Spuren alter Montierungen. In sehr guter Erhaltung
Bereits während ihrer Studienzeit entwickelte Käthe Kollwitz ein ausgeprägtes Interesse an erzählerischen und sozial geprägten Bildthemen. Die Künstlerin, geborene Schmidt, verbrachte ihre Jugend in Königsberg und erhielt ab 1881 ersten Zeichenunterricht bei Rudolf Maurer. Nach dem Besuch der Damenakademie des Vereins Berliner Künstlerinnen in den Jahren 1885/86 setzte sie ihre Ausbildung in Königsberg bei Emil Neide fort, bevor sie bis 1890 in München bei Ludwig Herterich studierte. Gerade die Münchner Jahre waren für ihre künstlerische Entwicklung von grosser Bedeutung.
In ihrem Tagebuch erinnert sich Kollwitz später an einen Kreis junger Künstlerinnen und Künstler in München, die sich regelmässig trafen, um gemeinsam vorgegebene Themen bildnerisch zu bearbeiten: "Es gab eine Vereinigung, die einige Mädchen unserer Klasse zusammenführte mit Otto Greiner, Alexander Oppler, Gottlieb Elster. Für diese Abende wurde ein Thema gestellt. So besinne ich mich auf das Thema "Kampf". Ich wählte die Szene aus Germinal [Roman von Émile Zola], wo in dem verrauchten Lokal um die junge Kathrin von zwei Männern gekämpft wird. Diese Komposition wurde anerkannt. Zum ersten Mal fühlte ich mich bestätigt auf meinem Wege, grosse Perspektiven öffneten sich meiner Phantasie, und die Nacht war schlaflos vor Glückserwartung."
Die intensive Auseinandersetzung mit Zolas Roman "Germinal" beschäftigte Kollwitz auch nach ihrer Rückkehr nach Königsberg weiter (vgl. Los 905). 1893 entstand schliesslich auch eine Radierung zum Thema (vgl. Knesebeck 18 und 19).
Das vorliegende Skizzenblatt wirkt sehr akademisch. Rechts finden sich Skizzen nach dem Gemälde "Trunkener Silen" nach Peter Paul Rubens, unten links ist ein kleines Selbstbildnis mit aufgestütztem Kopf dargestellt. Oben links sind Kompositionsstudien zur Figur der Kathrin aus "Germinal" zu sehen. In ihrer Schrift "Rückblick auf frühere Zeit" schrieb Kollwitz: "Und nun sah ich in der Pinakothek die Meister, von denen vor allem einer auf mich wirkte, aber für Jahre entscheidend: Rubens. Hingerissen hat mich Rubens."
Ein frühes, mit drei Themenkreisen sehr reich bearbeitetes Blatt, das schon die ganze Kraft zeigt, die die Künstlerin in ihrem Œuvre entwickeln wird und die sie später zu einer der bedeutendsten Künstlerinnen der Moderne werden liess.
Dieses frühe Studienblatt (1880-1891) mit Skizzen nach Rubens und einem versteckten Selbstbildnis war der jungen Künstlerin so wichtig, dass es nicht verkauft werden sollte. So berichtete Jutta Bohnke-Kollwitz bei dessen Erwerb für die Sammlung.
Die Arbeit zeigt bereits deutlich den Einfluss der alten Meister, der die Künstlerin ihr Leben lang prägen sollte. Die damals 15-jährige Kollwitz hatte während eines kurzen Aufenthalts in München in der Pinakothek ihre Werke für sich entdeckt, als die Familie vor der Erholungsreise der Mutter ins Engadin dort Halt gemacht hatte. Im vorliegenden Blatt zeugen vor allem die Detailstudien nach Rubens' "Der trunkene Silen" (1618-1625) sowie ein weiblicher Akt von Kollwitz' Bewunderung für den Meister.
Unten mittig ist Kollwitz selbst zu sehen: entspannt und tatendurstig. Die Darstellung ist ganz linear und ähnelt den Radierungen Rembrandts, mit dem sie wegen der Vielzahl ihrer Selbstbildnisse gern verglichen wird. Im Laufe ihrer künstlerischen Karriere schuf Kollwitz über hundert Selbstporträts - gezeichnet, radiert, als monochrome Holzschnitte gedruckt oder farblich experimentell lithografiert. So kommt sie Rembrandt am nächsten und wird zu Recht "weiblicher Rembrandt" genannt. Wertschätzend aber auch immer meisterlich, manchmal altmeisterlich wie Rubens.
Gudrun Fritsch, 2026
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