Cateau 1869 - 1954 Nizza
Nizza, Dezember 1941
Kohle auf Velin Arches mit Wasserzeichen
52,5x40,6 cm
Unten links vom Künstler in Bleistift signiert "Henri Matisse"
Echtheitszertifikat (I 93-9211) von Georges Matisse, Archive Matisse, Issy-les-Moulineaux, datiert vom 5. August 2022, liegt vor. Die Zeichnung ist unter der Nummer G220 in den Archiven aufgenommen
Ateliers Boesiger & Indermaur, Hans Ulrich Gasser, Zürich, dort am 16. März 1943 erworben von
Privatsammlung Schweiz, durch Erbschaft an
Privatsammlung Schweiz
Montreux 1946, Casino, Peintures françaises au Casino de Montreux, dort betitelt "Nu"
Genf 1954, Musée Rath, Trésors des collections romandes (Écoles étrangères),
Ganz wenige Atelierspuren. Rückseitig mit Spuren einer alten Montierung. Tadellos in der Erhaltung
Henri Matisse entwickelte seine Zeichnungsweise im Laufe seines Lebens kontinuierlich weiter. In den frühen Jahren war sie akademisch geprägt, ab den 1920er-Jahren intensivierte sich seine Beschäftigung mit der Aktzeichnung als Studium des menschlichen Körpers. Die Nizza-Phase ab 1917 brachte die reifen, grossen Aktzeichnungen hervor, in denen Matisse Linie und Ton verband. In der späten Phase, besonders ab den 1940er-Jahren, dominierten Kohle und Bleistift. Gleichzeitig konzentrierte er sich auf die Essenz statt auf Details.
Die Umstände der 1940er-Jahre verstärkten diese Entwicklung. Matisse war durch Operationen körperlich eingeschränkt und zog sich vermehrt auf das Zeichnen zurück. Seine Arbeiten wurden intimer, konzentrierter. Die Modelle aus seinem unmittelbaren Umfeld dienten nicht als dekorative Motive, sondern als direkte Zugänge zu Form und räumlicher Präsenz. Die Lichtmodellation durch aufgebauten Ton - nicht nur durch Kontur - wurde entscheidend.
Seine Zeichnungen sind nicht illustrativ, sondern künstlerische Forschungen. Oft entstanden sie seriell: dasselbe Modell, verschiedene zeichnerische Zugänge, jede Zeichnung eine eigenständige Lösung.
Diese Arbeit entstand während Matisses später Schaffensphase, als die Aktzeichnung eine zunehmend meditative Qualität annahm. In Nizza entwickelte der Künstler eine Bildsprache, die klassische Formenstrenge mit moderner Reduktion verband. In dieser Zeit arbeitete er intensiv mit schlafenden oder ruhenden Modellen. Das Motiv der Schlafenden interessierte ihn wegen der Entspannung und Schutzlosigkeit, aber auch, weil er das Licht studieren konnte, das auf ruhende Körper fiel.
Das vorliegende Werk zeigt eine sitzende, schlafende Frau mit leicht zur Seite geneigtem Kopf. Matisse verbindet hier präzise Kohlelinien mit grosszügig gewischter und aufgebauter Kohle zu einer plastischen Modellierung des Körpers. Starke schwarze Akzente definieren die Augen und strukturelle Linien des Torsos, während die gewischten Partien an Beinen, Armen und Oberkörper Volumen durch Ton- und Lichtwerte schaffen. Die Zeichnung auf festem Arches-Velin nutzt den weissen Grund aktiv: Licht modelliert die Form, Dunkel schafft räumliche Tiefe. Dieses Spiel zwischen linearer Präzision und tonalem Aufbau ist charakteristisch für Matisses späte Kohlezeichnungen.
Die "Dormeuse" dokumentiert seine unvergleichliche Beherrschung der Linie, die zwischen Abstraktion und sinnlicher Präsenz oszilliert. Die Zeichnung ist Teil einer kontinuierlichen Auseinandersetzung mit dem menschlichen Körper, die Matisse vom Fauvismus bis ins hohe Alter beschäftigte.
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