Um 1450
Kupferstich auf Bütten
15,2x11,4 cm, Blattgrösse (bei Lehrs 11,3 cm)
Nicht bei Bartsch
Passavant 3
Lehrs, II,
Herzogliches Museum zu Gotha, bis 1948 noch im Museum
Privatsammlung Deutschland, bis 1953
Slg. Eberhard W. Kornfeld, Bern
Slg. Richard H. Zinser (1884-1984), Forest Hills, NY, Lugt 5581
Nachlass Richard H. Zinser, bis 1991
Slg. Eberhard W. Kornfeld, Bern, Lugt 913b
Minneapolis/Cleveland/Chicago 1956/1957, Institute of Arts/Museum of Art/Art Institute, Prints 1400-1800, A Loan Exhibition from Museums and Private Collections,
Tadellos in der Erhaltung, oben und rechts mit voll sichtbarer Plattenkante. Kleines Wurmloch in der Brust des Engels. In tiefschwarzer, prägnanter Druckqualität
Das Blatt befand sich ehemals in der Sammlung des Herzoglichen Museums in Gotha (jetzt Friedenstein Stiftung Gotha). Ein Grossteil des dortigen enzyklopädischen Graphikbestandes, darunter auch nicht weniger als neun Blätter des Meister ES, wurde während der Zwischenkriegsjahre in zahlreichen Auktionen bei C.G. Boerner in Leipzig veräussert. Darüber hinaus kam es in den Wirren der Nachkriegsjahre wohl ab 1948 auf Weisung der kommissarisch eingesetzten Museumsleitung zu weiteren Verkäufen, nun jedoch über den Kunsthändler Kurt Müller, Inhaber der Firma Colussi & Co. in Erfurt. Viele der Druckgraphiken wurden von Müller auf Auktionen in unserem Berner Haus weiterveräussert. Das hier angebotene Blatt erwarb Eberhard Kornfeld jedoch privat von Müller (vgl. dazu auch demnächst den Aufsatz von Armin Kunz, "Die graphische Sammlung als Restbestand. Die Druckgraphik-Verkäufe aus Gothaer Beständen im 20. Jahrhundert.", in: Das illustrierte Flugblatt im 16. Jahrhundert. Protestantische Profilbildung am Beispiel der Gothaer Sammlung, hrsg. v. Ulrike Eydinger, Christopher Spehr und Kathrin Paasch, Göttingen 2025). Angesichts der komplexen historischen Situation gaben diese Nachkriegsverkäufe immer wieder Anlass zu Diskussionen, Besitz- oder Restitutionsansprüche bestehen jedoch keine mehr.
Obwohl in den allerfeinsten Strichlagen und vor allem in den Gesichtern der Figuren bereits auslassend, ist der Druck kräftig und von tiefschwarzer Prägnanz. Besonders und ungewöhnlich ist auch, insbesondere für einen derart frühen Kupferstich, dass der Abdruck durchweg einen zarten Plattenton aufweist.
Lehrs zählt dieses Blatt zu den "allerfrühsten Arbeiten des Meisters" und fährt fort, dass wahrscheinlich gerade "die grosse Anmut der Typen […] von dieser ältesten der sechs Verkündigungen mehr Abdrücke als von den anderen vor der Vernichtung bewahrt [hat]."
Der Meister, der nach dem auf einigen Blättern zu findenden Monogramm "ES" benannt ist und dem Lehrs insgesamt 340 Werke zuschreibt, war um die Jahrhundertmitte im Oberrheingebiet tätig. Die letzte Datierung stammt von 1467, was gemeinhin als Endpunkt seines Schaffens angenommen wird. Der Meister ES brachte den frühen Kupferstich auf eine neue Qualitätsstufe, die wiederum die Grundlage für die Generation Israhel van Meckenems und Martin Schongauers bildete.
Eberhard W. Kornfeld schrieb dazu: "Das kleine Blättchen ist nicht nur technisch eine erste Meisterleistung auf dem Gebiet der Graphik des 15. Jahrhunderts. Es ist nicht additiv wie so viele Darstellungen aus dieser Zeit, die Figuren sind reizvoll in einen Innenraum komponiert, von gotischen Architekturelementen eingerahmt. Nach ersten Anfängen des Kupferstichs kaum zwei Jahrzehnte zuvor liegt bereits eine gestalterische und technische Spitzenleistung vor. Die Madonna strahlt voller Anmut, ein Manuskript in der Hand. Der verkündende Engel ist sich seiner Importanz bewusst, entsprechend ist sein Gesichtsausdruck geschaffen. Das Blatt ist ein Spiegel der tief religiösen Einstellung dieser Zeitspanne, es steht mit anderen Werken am Anfang der Fülle von Meisterleistungen von 1445 bis heute, es ist mein 'most favorite print'."
| Schweiz | CHF | 130 |
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| Übersee | CHF | 255 |
