Løten 1863 - 1944 Oslo
1902
Farblithographie auf dünnem Japan
69,5x40,2 cm, Darstellung; 78,5x57 cm, Blattgrösse
Unten rechts vom Künstler in Bleistift signiert "Edv Munch", darunter bezeichnet "Komde met rott haar og gronne ove"
Gerd Woll, Edvard Munch, The Complete Graphic Works, Oslo 2012,
Graphisches Kabinett, München, wohl dort 1928 erworben von
Slg. Arnold Budczies, Berlin, rückseitig mit dem Sammlerstempel
München 1928, Graphisches Kabinett,
Frankfurt am Main 1952, Städelsches Kunstinstitut, Edvard Munch, Graphik,
Bremen 1970, Kunsthalle, Edvard Munch, Druckgraphik, Auswahl aus einer bremischen Privatsammlung,
Minimer Lichtrand und leichte Griffknicke. Rückseitige Spuren einer alten Montierung. Schöne, farbfrische Erhaltung
Mit der Lithographie "Weib mit rotem Haar und grünen Augen. Die Sünde" greift Edvard Munch eines seiner markantesten Motive auf: Die Frau als Verführerin, als Sinnbild für Begierde und Sünde. Bereits in der gleichnamigen Ölversion von 1894/95 hatte Munch eine lasziv aufgerichtete Frau mit langen, offenen Haaren und entrücktem Blick dargestellt. In der Lithographie von 1902 transformierte er das Motiv in ein noch reduzierteres, graphisch konzentriertes Bild voller symbolischer Spannung.
Im Zentrum steht die unbekleidete Frau mit leuchtend grünen Augen und offenem rotem Haar, das sich wie ein feuriger Schleier um ihr Gesicht und ihre Schultern legt. Der Blick ist anziehend, aber zugleich leer und unnahbar. Der Hintergrund ist leer, während das Gesicht umso stärker zwischen den Haaren leuchtet. Munch nutzt hier bewusst die Wirkung der Komplementärfarben Rot und Grün, um eine visuelle Spannung aufzubauen, die sich mit der psychologisch aufgeladenen Szene verbindet.
Der Titel "Die Sünde" ist eindeutig moralisch konnotiert, doch Munchs Lithographie verweigert eine einfache Deutung. Die Frau erscheint nicht als sündhafte Täterin, sondern als Projektionsfläche für männliche Phantasien, Ängste und Schuldgefühle. Die Ambivalenz zwischen Anziehung und Gefahr, zwischen Schönheit und Bedrohung, prägt viele seiner Darstellungen weiblicher Figuren. Munch selbst sprach in Briefen von der Frau als "Engel und Vampir", von einer doppeldeutigen Figur, was auch in dieser Lithographie aufscheint.
Technisch zeigt das Blatt Munchs souveränen Umgang mit der Lithographie: Die Reduktion auf wenige, aber prägnante Tonwerte und die gezielte Farbigkeit lassen die Darstellung nahezu ikonisch wirken. Die Frau ist keine individuelle Porträtfigur, sondern eine archetypische Erscheinung, die zu einem Symbol weiblicher Macht und männlicher Ohnmacht verdichtet ist.
Die Sünde ist somit kein moralisches Urteil, sondern Ausdruck einer zutiefst modernen Seelenlage. Es geht um Begehren und Schuld zwischen Körper und Geist. Das Bild wirkt verstörend und schön zugleich - ein Inbild der existenziellen Ambivalenz, wie sie Munch in vielen seiner Werke thematisierte.
Gedruckt in drei Farben bei "M. W. Lassally Graphische Kunst-Anstalt, Berlin".
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