1913-1914
Gouache, Tusche und Graphit auf Papier, von Chagall und Nell Walden 1914 im Hinblick auf die Berliner Ausstellung auf zwei farbige Papiere aufgelegt
20,2x28,8 cm, Blattgrösse; 22,1x32,7 cm, Unterlage in Dunkelrosa; 28x36,7 cm, Unterlage in Hellrosa; 31x40,5 cm, Unterlage in Violett (ab 1954)
Unten rechts vom Künstler in Weiss signiert "Chagall"
Echtheitsbestätigung (Nr. 2025096) des Comité Marc Chagall, Paris, datiert vom 3. Juli 2025, liegt vor
Herwarth Walden, Berlin, 1914
Slg. Nell Walden, Schinznach, versteigert bei
Auktion Stuttgart, Stuttgarter Kunstkabinett, Sammlung Nell Walden (Der Sturm), 25. November 1954, Los 934, unter dem Titel "Liegender weiblicher Akt mit Blume" und der Datierung "1912", dort erworben von
Domgalerie, Köln, dort 1973 erworben von
Kornfeld und Klipstein, Bern, dort 1986 erworben von
Slg. Eberhard W. Kornfeld, Bern, rückseitig auf der Unterlage mit dem Sammlerstempel Lugt 913b
François Le Targat, Marc Chagall, Barcelona/Paris 1985,
Alexandre Kamenski, Chagall, Période russe et soviétique 1907-1922, Paris 1988,
Jacob Baal-Teshuva, Marc Chagall, Köln 1998,
Karoline Hille, Marc Chagall und das deutsche Publikum, Köln/Weimar/Wien 2005, S. 52f.,
Berlin 1914, Galerie Der Sturm, Herwarth Walden, Marc Chagall, mit der handschriftlichen Ausstellungsnummer "47" auf der Unterlage in Altrosa
Bern 1944/1945, Kunstmuseum, Gemälde und Zeichnungen alter Meister, Kunsthandwerk aus Privatbesitz/Der Sturm, Sammlung Nell Walden aus den Jahren 1912-1920,
Zürich 1945, Kunsthaus, Expressionisten, Kubisten, Futuristen, Sammlungen Nell Walden und Dr. Othmar Huber,
Basel 1946, Kunsthalle, Francis Picabia / Sammlung Nell Walden,
Bern 1977, Kornfeld und Klipstein, 112.5 Kunstwerke von 1440 bis zur Gegenwart,
Paris 1984, Centre Georges Pompidou, Marc Chagall, Œuvres sur papier,
Rom 1984/1985, Musei Capitolini, Marc Chagall, Disegni, gouaches, dipinti 1907-1983,
Hannover/Zürich 1985, Kestner-Gesellschaft/Kunsthaus, Marc Chagall, Arbeiten auf Papier,
Bern 1989, Kunstmuseum, Von Goya bis Tinguely, Aquarelle und Zeichnungen aus einer Privatsammlung [Slg. Eberhard W. Kornfeld],
Paris 1995, Musée d'art moderne de la Ville de Paris, Marc Chagall, Les années russes,
Bern 1995/1996, Kunstmuseum, Marc Chagall 1907-1917,
Davos 1998/1999, Kirchner Museum, Werke aus der Sammlung Eberhard W. Kornfeld,
Frankfurt am Main/Berlin 2004, Jüdisches Museum/Max Liebermann Haus der Stiftung Brandenburger Tor, Verehrt und Verfemt, Chagall und Deutschland,
Rom 2007, Complesso del Vittoriano, Chagall delle meraviglie, dort betitelt "Odalisca" und datiert "1913-1914",
Wien 2008/2009, Albertina, Wege der Moderne, Aus der Sammlung Eberhard W. Kornfeld,
Zürich/Liverpool 2013, Kunsthaus/Tate, Chagall, Meister der Moderne,
Das Papier leicht gewellt, mit einer Knitterfalte sowie einem kleinen unauffälligen Riss im linken Rand. Beide rosa Unterlagen mit Leimresten, Knitterfalten und kleinen Rissen in den Rändern. Die violette Unterlage mit zwei Papierausbrüchen im oberen Rand. In sehr gutem Erhaltungszustand und originaler Präsentation
Im Jahr 1914 zeigte Marc Chagall in der renommierten, von Herwarth Walden geleiteten Berliner Galerie Der Sturm seine erste Einzelausstellung in Deutschland. Diese Ausstellung war ein Meilenstein in Chagalls früher Karriere und zugleich ein bedeutendes Ereignis in der europäischen Kunstszene vor dem Ersten Weltkrieg.
In Marc Chagalls Ausstellung bei der Galerie Der Sturm im Jahr 1914 kam ein ungewöhnliches Präsentationsmittel zum Einsatz: Viele der auf Papier ausgeführten Arbeiten wurden durch Nell Walden, Herwarth Waldens Ehefrau, auf ein oder zwei verschiedenfarbige Unterlagen montiert. Diese Hintergründe dienten nicht nur der ästhetischen Rahmung, sondern betonten gezielt die Leuchtkraft und Expressivität der Werke. Die oft kräftigen Farben wirkten komplementär oder kontrastierend zu Chagalls eigener Farbwahl und hoben zentrale Motive hervor.
Zugleich spiegelte diese Präsentationsweise die avantgardistische Haltung der Galerie wider: Herwarth Walden suchte nach neuen Wegen der Kunstvermittlung, um die Eigenständigkeit moderner Kunst zu betonen. Die farbige Rahmung verlieh den oft kleinformatigen Arbeiten eine zusätzliche Präsenz im Ausstellungsraum und unterstützte Chagalls Anliegen, seine Bildwelt mit einer Raumerweiterung als zugleich Modernes erfahrbar zu machen.
Die Odaliske ist ein kunsthistorischer Typus, der vor allem in der europäischen Malerei des 18. und 19. Jahrhunderts verbreitet war. Es handelt sich um eine Darstellung einer meist liegenden oder ruhenden Frau, häufig nackt oder halb bekleidet, die als Haremsdame eines osmanischen Herrschers inszeniert ist. Der Begriff "Odaliske" leitet sich vom türkischen "odalık" ab, was "Frau des Harems" bedeutet.
In der Kunst symbolisierte die Odaliske nicht nur Sinnlichkeit, sondern auch die westliche Projektion eines exotischen, geheimnisvollen und fremdartigen Orients. Chagall zeigt seine grosse "Odalisque" in der freien Natur; hinter der Frau ist ein Tierwesen zu sehen. Könnte es eine frühe Anlehnung an das in seiner Ikonographie als "mystisches Tier" bezeichnete Wesen sein, das für den Einfluss der Kreativität steht? Eine spannende Komposition eines skulpturalen Akts in leuchtenden Farben.
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