1911
Gouache auf Bütten
24,5x14,7 cm, Blattgrösse; 31,4x21,5 cm, Unterlagekarton
Unten rechts vom Künstler in Tusche signiert und datiert "Chagall / 1911". Signatur und Datum wurden jedoch nachträglich angebracht, sicherlich vor der Auktion 1959
Echtheitsbestätigung (Nr. 2025097) des Comité Marc Chagall, Paris, datiert vom 3. Juli 2025, liegt vor
Auktion Galerie Charpentier, Paris, 10. Dezember 1959, Los 6, betitelt "Vierge à l'enfant", dort erworben von
Klipstein und Kornfeld, Bern
Slg. Eberhard W. Kornfeld, Bern, rückseitig auf der Unterlage mit dem Sammlerstempel, Lugt 913b
Franz Meyer, Marc Chagall, Leben und Werk, Köln 1961,
Jean Cassou, Chagall, New York/Washington 1965,
Bern 1960, Klipstein und Kornfeld, Marc Chagall,
Kopenhagen 1960, Kunsthal Charlottenborg, Marc Chagall/Oskar Kokoschka,
Genf 1962, Musée Rath, Marc Chagall et la Bible,
Tokyo/Kyoto 1963, National Museum of Western Art/Municipal Museum, Marc Chagall,
New York 1975, The Solomon R. Guggenheim Museum, Marc Chagall, Works on Paper,
Bern 1989, Kunstmuseum, Von Goya bis Tinguely, Aquarelle und Zeichnungen aus einer Privatsammlung [Slg. Eberhard W. Kornfeld],
Mexico City 1991/1992, Centro Cultural Arte Contemporaneo, Chagall en nuestro siglo,
Paris 1995, Musée d'Art Moderne de la Ville de Paris, Marc Chagall, Les années russes, 1907-1922,
Bern 1995/1996, Kunstmuseum, Chagall 1907-1917,
Davos 1998/1999, Kirchner Museum, Werke aus der Sammlung Eberhard W. Kornfeld,
Wien 2008/2009, Albertina, Wege der Moderne, Aus der Sammlung Eberhard W. Kornfeld,
Basel 2017/2018, Kunstmuseum, Chagall, Die Jahre des Durchbruchs 1911-1919,
Auf Unterlagekarton aufgezogen. Im rechten Rand oben mit alter Verfärbung. Die Unterlage gebräunt, mit Lichtrand und stockfleckig, insbesondere im oberen Rand. Rückseitig mit Spuren einer alten Montierung. Farbfrisch und in sehr schönem Erhaltungszustand
Marc Chagalls Gouache "Vierge à l'enfant ou Madone à l'enfant" von 1911 ist eine eindrucksvolle, vielschichtige Darstellung, die christliche, russisch orthodoxe Ikonografie mit Empfindung aus jüdischer Kultur und moderner Bildsprache verbindet. Das Bild zeigt eine Mutterfigur als "Jungfrau Maria" mit einem Kind auf dem Arm in einer scheinbar ruhigen, fast schwebenden Haltung vor einer stark auf geometrische Formen reduzierten Landschaft. Im Hintergrund geht der Vollmond auf; rechts im Tal Formen in kontrastreichem Rot, denen die Madonna mit Kind möglicherweise entkommen ist. Obwohl das Motiv der Madonna mit dem Kind traditionell ist, bricht Chagall bewusst mit realistischen und dogmatischen Darstellungsweisen. Er erschafft eine persönliche und äusserst prägnante formelle Vision von Mutterschaft in einer beinahe abstrakten metaphorischen Landschaft.
Farblich dominieren Pastelltöne, die die Szene in eine entrückte Atmosphäre tauchen. Die Figuren sind vereinfacht, aber kraftvoll. Diese Ambivalenz zwischen zärtlicher Fürsorge und spiritueller Grösse ist typisch für Chagalls Arbeiten dieser Jahre. Obwohl das Werk auf christlicher Ikonografie basiert, ist es keine religiöse Darstellung im klassischen Sinne. Chagall, der aus einer jüdischen Familie stammte, benutzt die Madonna-Figur als universales Symbol der Mutterschaft und des Schutzes, nicht als Akt des Glaubens. In diesem Sinn verbindet er jüdische und christliche Bildtraditionen, überschreitet kulturelle Grenzen und formuliert ein zutiefst humanistisches, persönliches Bild des Geborgenseins.
Das Werk entstand kurz nach Chagalls Ankunft in Paris, in einer Zeit des Umbruchs und der künstlerischen Entfaltung. "Vierge à l'enfant ou Madone à l'enfant" zeigt eindrucksvoll, wie der Künstler westliche Kunstformen, spirituelle Themen und seine osteuropäischen Wurzeln zu einer neuen, symbolisch aufgeladenen und einzigartigen Bildsprache verband.
| Schweiz | CHF | 150 |
| Europa | CHF | 250 |
| USA | CHF | 320 |
| Übersee | CHF | 325 |
