Königsberg 1867 - 1945 Moritzburg
1906
Kreide- und Pinsellithographie mit Spritztechnik und Schabeisen auf zwei verbundenen dicken, bräunlichen, glatten Kartons mit Gouache und Korrekturen in Spritztechnik. Dazu die passende Zelluloidfolie mit Schablonenschrift, partiell gespritzter und weisser Umrandung
75,3x51,5 cm, Blattgrösse
Oben rechts des oberen Teils von der Künstlerin in Bleistift signiert "Käthe Kollwitz", daneben datiert "1906". Rückseitig von Hans Kollwitz bezeichnet "KL 93" und "S[ievers] 93"
Der hier angebotene Plakatentwurf ist Hannelore Fischer, Köln, bekannt
Vorarbeit zu Knesebeck 95
Aus dem Nachlass der Künstlerin erworben von
Privatsammlung Deutschland
Vgl. Franz Marcus, Die Entstehung eines Kunstwerkes: Käthe Kollwitz' Plakat 1906, in: Philobiblon XXIV, Heft 2, pag. 120 ff., Stuttgart 1985
Die Unterlage aus zwei unterschiedlichen Kartons durch alten Klebestreifen (an einer Stelle beschädigt) verbunden. Rückseitig mit Atelierspuren und Montierungsresten. Zelluloidfolie teilweise minim berieben. Dem Alter entsprechend in sehr gutem Zustand
Käthe Kollwitz hatte bereits 1905 dem Ausstellungskomitee zugesagt, ein Plakat für die vom 17. Januar bis Ende Februar 1906 in Berlin stattfindende Deutsche Heimarbeit-Ausstellung zu gestalten. Doch erst Anfang 1906 machte sie sich an die Vorzeichnung "Arbeiterfrau" (Nagel/Timm 406) und ging in die Druckerei Graetz an der Auguststrasse 26 in der Spandauer Vorstadt, um mit der druckgraphischen Umsetzung zu beginnen. Einem Mitglied des Ausstellungskomitees, Franz Marcus, teilte sie mit, dass "die Sache beim Druck so schlecht und entsetzlich roh herausgekommen [wäre], dass es so gar nicht ginge." Kollwitz arbeitete in der Druckerei weiter, weil scheinbar die "Zwischentöne" nicht gut herausgekommen seien, so dass das Ganze "krasser und härter" wirkte
Der hier angebotene, Knesebeck unbekannt gebliebene Originalentwurf wird zum "Missing Link" zwischen dem ersten Druckzustand und dem definitiven Plakat. Es besteht aus einem aus zwei Teilen zusammengesetzten "Zeichnungsblatt" (oben unter Verwendung einer Lithographie, unten ein vollkommen frei überarbeiteter, leichter Karton) sowie einer Zelluloid-Folie. Während beim I. und II. Zustand (Plakat ohne Details zur Ausstellung, in 300 Exemplaren erschienen) der Körper der Frau quasi völlig im Schwarz untergeht, ist er beim in grosser Auflage (3500 Exemplare) gedruckten Plakat (III. Zustand) völlig überarbeitet und aufgehellt. Kollwitz wird in der Druckerei einen Abzug des I. Zustandes zerschnitten und unten auf einem Karton komplett neu gestaltet haben. Um den gewünschten Effekt zu erreichen, hat sie zusätzlich auf der Zelluloid-Folie mit der Schrift interveniert und auch dort direkt Konturen oder die Schattierungen präzisiert. Zusammen ergibt sich ein stimmungsvolles Ganzes, das schliesslich als Plakat für die Ausstellung Verwendung fand. Vom I. Zustand, der breiter ist als die beiden weiteren Zustände, ist nur ein einziges Exemplar bekannt
Das bislang unbekannte Unikat ist ein wichtiges Dokument, das Kollwitz’ Arbeitsprozess und Sinn für das druckgraphische Detail eindrücklich aufzeigt
Konvolut
