Strassburg 1886 - 1966 Basel
1962
Kalkstein, eine Seite behauen, eine Seite aus dem Stein geschnitten
78x84x24 cm
Arie Hartog/Kai Fischer, Hans Arp, Skulpturen – eine Bestandsaufnahme, Ostfildern 2012,
Geschenk des Künstlers an die Familie Witzig Hagenbach, durch Erbschaft an Privatsammlung Schweiz
Eduard Trier, Hans Arp, Skulpturen 1957-1966, Stuttgart, Hatje, 1968,
Ionel Jianou, Jean Arp, Paris, Arted, 1973,
Rudolf Suter, Hans Arp, Weltbild und Kunstauffassung im Spätwerk, Bern, Peter Lang, 2007, pag. 433 ff.
Minimal gereinigt, in sehr gutem Originalzustand
Von 1961 bis 1967 entstanden 7 Arbeiten aus gehauenem Stein, die mit "Waldrad I-VII" betitelt sind. Beim hier angebotenen "Waldrad" handelt es sich um die Nummer V der Serie. Als die verwandtschaftlich mit Hans Arp verbundene Familie Witzig Anfang der 1960er Jahre ein neues Haus in der Nähe eines Waldes errichten liess, fand der Künstler, dass unbedingt ein "Waldrad" im Garten aufgestellt werden müsse. Carola Giedion-Welcker schrieb in ihrem wichtigen Werk zum Künstler 1961: "Heute stellt er wuchtige "Waldräder" als Steinkreise "aus urdenklichen Zeiten", wie frühgeschichtliche Sonnenräder oder rustikale Mühlsteine in den grossen Raum der Natur." Woher Arps Interesse an der Materie kam, kann verschiedene Gründe haben. Vielleicht suchte er schlicht einen "reduzierten", geometrischen Ausgleich neben den parallel entstehenden, organischen Skulpturen. Rudolf Suter vermutet in "Hans Arp. Weltbild und Kunstauffassung im Spätwerk", dass sich Hans Arp auf seiner Mexikoreise von 1958 mit archaischer, aztekischer Plastik auseinandersetzte. Auch die chinesischen "Bi-Scheiben", die Arp aus Artikeln im "Cahier d’Art" kennen musste, könnten eine Inspirationsquelle gewesen sein. Oder sogar ein im Garten des Künstlerhauses in Locarno aufgestellter, alter Mühlstein könnte ihn zur Schaffung der "Waldräder" animiert haben. Alle Herleitungen würden sehr gut zur kosmischen Weltanschauung passen, die sich immer wieder in den Werken Arps ablesen lässt
Die Aufstellung am Boden erinnert an sein Postulat, dass die Kunst "sich in der Natur verlieren" soll. Das Material, insbesondere die behauene Seite, wirkt naturhaft, gleichzeitig aber auch archaisch, eine Wirkung, die mit klassischen Materialien wie Marmor oder Bronze nicht im gleichen Mass erzielt werden kann
Beim Betrachten wird die Aufmerksamkeit immer wieder von der Leerform angezogen, der Blick wandert hin und her zwischen materiellen und leeren Formen, nimmt sie beide als positiv und gleichwertig wahr. Suter schreibt: "Materielle und leere, positive und negative Formen halten sich das Gleichgewicht. […] Das leere Zentrum [ist] zu einer Weltmitte geworden, auf die alle Dinge ideell ausgerichtet sind."
Die "Waldräder" sind als abgeschlossene, sehr wichtige Werkgruppe im Œuvre des Künstlers zu lesen, nehmen sie doch "förmlich" auch die Idee des "Reliefs" auf, nun erweitert in den Raum. So kapitale Skulpturen sind von grosser Seltenheit
